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Alle gegen Einen
Ding, dang, dong. Verhasstes Geräusch. Ende der Unterrichtsstunde. Anfang der Pause.
Raus aus dem sicheren Klassenzimmer. Raus aus der Obhut der wachsamen Lehrer.
Rein in das schutzlose Gedrängel der Pause.
Allen außer ihm war dieses Geräusch willkommen. Freizeit, Auszeit, Zusammensein mit Freunden. Ihm aber nicht. Angst, Panik, Verzweiflung.
Er sprang auf und rannte. Durch die Tür, noch vor dem Lehrer. Nach rechts zur Treppe, die Stufen runter, geradeaus durch die Glastür. Nach links den Flur runter. Alles voller älterer Schüler. Sie standen ihm im Weg, warum merkten sie das nicht? Er prallte unsanft gegen einen sehr großen Jungen, wich einer Tasche aus, duckte sich unter verschiedenen Armen weg, krabbelte durch ein paar Beine. Endlich, der Weg vor ihm war frei. Er sprang die drei Stufen hinunter, stieß fast erleichtert die Tür zur Bibliothek auf. In Sicherheit.
Aber der feste Knoten in seiner Brust löste sich nicht. Viel zu schnell schlug sein Herz. Viel zu laut ging sein Atem. Viel zu heftig zitterten seine Knie.
Aber nicht nur wegen der schnellen Flucht hierher. Ausdauer hatte er ja. Musste er haben. Jede Pause. Um hierher zu kommen.
Dabei war es gar nicht schlecht, wenn man klein und mickrig war. So wie er. Sehr klein und mickrig. Ließ ihn aussehen wie einen Grundschüler. War er aber nicht. Er ging in die 7FL und war 12 Jahre alt. Aber nicht glücklich darüber. Viel lieber eine andere Klasse. Keinen großen Haufen Feinde. Womit hatte er das verdient? Was konnte er dafür, dass ihn alle Lehrer mochten? Dass sie ihm gute Noten gaben? Er war nicht stolz darauf. Er wollte kein Liebling sein. Lieber schlechte Noten und dafür ein besserer Ruf.
Streber, Schleimer, Weichei. Und er wollte keinen steinreichen Vater und ein Haus mit Sauna und Whirlpool. Lieber eine winzige Wohnung mit Plumpsklo und dafür einen besseren Ruf.
Streber, Schleimer, Weichei, Wiesel. Dummer Spitzname.
Die Tür flog auf. Angst überrrollte ihn. Alles Blut verließ sein Gesicht. Da waren sie. Jetzt saß er in der Falle. "Stinkende Wieselratte!", schrie der Junge an der Spitze.
Doch da stand schon die Bibliothekarin vor ihm. Ihr Gesicht war hart, ihr Finger wies nach draußen. Der Jung warf ihm noch einen hasserfüllten Blick zu - und marschierte hinaus. Erleichterung durchströmte ihn. Das war knapp gewesen.
Er hörte kaum, wie die Bibliothekarin mit ihm sprach. Ihn aufforderte, ihr von Problemen zu erzählen. Er nickte höflich. Und wusste, dass er es ihr nie erzählen würde. Ihr nicht und auch niemandem sonst. So tief war er nicht gesunken. Und sie würde ihm auch nicht helfen können.
Was er brauchte, konnte sie ihm nicht geben. Einen Freund. Einen, der zu ihm hielt. Ihm half. Für ihn da war. So einen Freund gab es nicht. Nicht für ihn. Er war ein Außenseiter. Ein Ausgestoßener. Allein. Ding, dang, dong.
Sonja Wiencke
Letzte Aktualisierung: Sunday, 6. May 2007 22:00:36 Verantwortlich: Webmaster
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